Drucksache
So schön das Angasen mit dem Motorrad auch sein mag, irgendwann muss man notgedrungen auch wieder stoppen. Damit das gut funktioniert haben sich auch im Zweiradsektor seit Jahren schon hydraulische Bremssysteme breit gemacht. Mit allen ihren Vorteilen haben sie zurecht die wartungsintensiven Bowdenzüge vollständig abgelöst - sowas kennt man heutzutage nur noch bei (Neo-)Klassikern.
Doch ganz wartungsfrei sind auch hydraulische Bremssysteme nicht. Neben der stark hygroskopischen (wasseranziehenden) Bremsflüssigkeit, die spätestens alle 2 Jahre komplett auszutauschen ist, sowie natürlich die Bremsbeläge, unterliegen auch die Leitungen einer gewissen Abnutzung und Alterung. Insbesondere, wenn es sich um Standard-Kunststoffleitungen handelt, welche aus Kostengründen gern serienmäßig verbaut werden.
Diese Bremsschläuche - wiewohl innen mit Drahtgeflecht verstärkt - dehnen sich unter Druck mit der Zeit immer mehr aus und lassen den Druckpunkt am Hebel bzw. am Pedal wandern. Zum Platzen dürfte man einen solchen Schlauch zwar kaum bringen, dennoch ist mit einem schwammiges Gefühl an der Bremse natürlich kein angenehmes und entspanntes Fahren mehr möglich. Die ständige Angst, dass die Stopper versagen sitzt drohend wie ein Felsklotz im Nacken
Durch mit zunehmendem Alter auftretende, mikroskopische Porösitäten kann zudem Wasser besser hinein diffundieren und im schlimmsten Fall den Siedepunkt der Bremsflüssigkeit soweit herabsetzen, dass es zu Dampfblasenbildung kommt, sollte die Bremsflüssigkeit zu heiß werden. Bremswirkung Ade. Und dieses Phänomen tritt typischerweise immer dann auf, wenn die Bremsen besonders stark gefordert werden. Bei Gebirgsfahrten zum Beispiel. Prost Mahlzeit! Aus eben jenem Grunde wird empfohlen Standardbremsleitungen mindestens alle 4 - 5 Jahre auszutauschen.
Eine gute Idee ist nun gleich der Griff zu so genannten Stahl-Flex Leitungen. Diese heißen so, da der korrosionssichere Kautschukkern von einem dichten Stahlgeflecht umschlossen ist. Normale Bremsleitungen weiten sich im Betrieb schon ein gewisses Maß, selbst wenn sie flammneu sind. Stahl Flex dehnt sich dagegen konstruktionsbedingt nicht aus. Die Leitungen haben somit eine deutlich längere Lebensdauer und einen - auch unter Extrembedingungen - dauerhaft besser definierten und konstanten Druckpunkt. Auch Wasserdiffusion ist ihnen komplett fremd, da der Innenmantel meist Teflon-beschichtet ist.
Sollen solche höherwertigen Leitungen eingebaut werden, so bleibt oft nur der Weg über den Zubehörhandel. Als bekannte Zulieferer treten unter anderem LUCAS und MELVIN auf, wobei die wenigsten wissen, dass grade Melvin bei vielen (japanischen und koreanischen) Motorradherstellern Erstausrüster ist, sofern sie denn gleich serienmäßig Stahl-Flex Leitungen verbauen. Natürlich kann man fast alle Bikes nachrüsten, es liegen für beinahe alle Typen und Modelle gleich entsprechende ABEs bei. Das heißt ein kostenreiches und lästiges Eintragen in die Fahrzeugpapiere entfällt (Sonderanfertigungen ausgenommen) - lediglich die Bescheinigung ist stets mitzuführen.
Quanta Kosta?
Der Kostenpunkt für einen Satz Melvin-Bremsleitungen ist unterschiedlich und richtet sich nach Art und Typ des Motorrads. Auch Sonderanfertigungen sind möglich, kosten aber Aufpreis. Für meine GPZ 500S im Originalzustand der Bremsanlage sind laut offizieller Website 130 Euro für die drei vorderen Leitungen fällig (hinten hab ich eine mechanisch betätigte Trommelbremse), allerdings konnte ich die Leitungen bei ebay für knapp 90 Euro schießen, zuzüglich (aufpreispflichtiger) farbiger Ummantelung und Versand. Die Farbe der (übrigens drehbaren) Fittings war hierbei kostenlos frei wählbar. Obendrauf gab's ein Messprotokoll mit den Prüfdrücken der Leitungen, denen sie vor Auslieferung testweise ausgesetzt wurden.
Montage
Inwieweit der Austausch einfach oder kompliziert abläuft, hängt vom Bock ab. Die GPZ 500S ist noch human beim Bastelaufwand, selbst die Frontverkleidung muss nicht runter, sofern man etwas Geschick mitbringt. Der zwangsläufige Verlust von Bremsflüssigkeit wird am Besten mit einem kompletten Austausch selbiger verbunden - inklusive Entlüftung des Bremssystems. Oft werden mit den neuen Leitungen auch die zugehörigen Hohlschrauben gegen neue (gern farbig eloxierte) ausgewechselt. Geschmacks- und Geldbeutelsache. Im Lieferumfang befinden sich auf jeden Fall aber neue Dichtscheiben, die man auch tunlichst verwenden sollte.
Da die Bremsanlage eine sehr wichtige und höchst sicherheitsrelevante Baugruppe der Maschine ist, sollten bitte nur technisch versierte Schrauber zum Schlüssel greifen. Eine helfende Hand (oder besser 2) sind immer willkommen - besonders das spätere Entlüften der Bremsanlage ist für Solisten eine unnötige und vermeidbare Frickelei. Auch wenn es mittlerweile Pump-Geräte gibt, die den Vorgang erleichtern. Davon ab ist das Hantieren mit Bremsflüssigkeit nicht wirklich gesund. Bei allen Arbeiten gilt es höchste Vorsicht, Sorgfalt und - ganz besonders wichtig - Sauberkeit walten zu lassen.
Bleibt alles anders
Da der Mensch nunmal ein Gewohnheitstier ist, kann es in der Umgewöhnungszeit durchaus vorkommen, dass man zu fest reinlangt und überbremst - was diverse mehr oder weniger unangenehme Auswirkungen haben kann. Nach jahrelangem Gurken mit der Karre ist der neue Druckpunkt zunächst einmal erschreckend. Die Bremse zeigt sich plötzlich um einiges früher, giftiger und rapider einsetzend in der Verzögerung. Hat man die veränderte Situation einmal verdaut, begeistert der Anker mit vorher nicht gekannter Feinfühligkeit.
Fazit
Pluspunkte sind die individuell aufs Bike abgestimmten Bremsleitungen, die drehbaren, farblich wählbaren Fittings und die ABE. Inklusive längerer Wartungsintervalle, präziserem Druckpunkt, Gewichtsersparnis und nicht zuletzt optischer Aspekte gegenüber dem Standard. Soweit die Serienausstattung. Empfehlenswert ist die Option die Leitungen (auf Wunsch farbig) kunststoffummantelt zu verbauen, das erleichtert die Reinigung und wirkt unbeabsichtigtem Scheuern an Karosserieteilen entgegen. Preislich gesehen sind Stahl-Flex Leitungen (generell) vielleicht nicht grade das Supersonderangebot, doch auf alle Fälle eine sehr lohnende Investition ins eigene Leben ... und das anderer.
So Long
Der Verzögerungs-Pharao